Süddeutsche Zeitung vom 31.08.2009:    zurück zur Presse-Übersicht


Lichtgestalt im Siemens-Konzern

Martin Goetzeler ist Chef des Glühbirnenherstellers Osram.
Für den neuen Hightech-Markt ist er gerüstet

Von Johannes Boie und Mike Szymanski


Es kommt nicht oft vor, dass Manager ihre Gäste ausgerechnet in die finstersten Räume führen. Aber Martin Goetzeler hat allen Grund dazu, die Kellertreppe zu nehmen. Wo er hingeht, gibt es keine Fenster und keine Sonne. Aber warum auch? Wer versteht schon mehr von Licht als Martin Goetzeler, der Chef des Glühbirnenherstellers Osram? Hier unten im Lichtstudio bestimmt Goetzeler, ob es hell ist oder dunkel, das Licht kalt wie in einer Fabrik oder warm wie nach einem Sonnenuntergang. Heute haben seine Kollegen die Lampen auf taghell eingestellt. Goetzeler braucht Aufmerksamkeit für die Ankündigung: "Die Glühlampe ist ein Auslaufmodell".

So ist das also: Die Europäer sollen ihre Glühbirnen herausdrehen. Weil die Europäische Union es so möchte. Zum 1. September verschwindet die klassische 100-Watt-Glühlampe vom Markt. Die anderen stromfressenden Funzeln niedrigerer Wattzahl verschwinden bis Herbst 2012 aus den Regalen.

Etwas Besseres hätte Martin Goetzeler nicht passieren können. Jetzt gibt es viel zu tun für seine Firma, in der über 40 000 Angestellte unter dem Dach des Mutterkonzerns Siemens arbeiten. Der 47-Jährige führt die Osram-Geschäfte vom "Tippsen-Silo" aus, so nennen die Mitarbeiter die Firmenzentrale im Münchner Stadtteil Giesing. Goetzeler hat sein Büro im zweiten Stock. Die Mitarbeiter sagen, das passt zu ihm - er ist mittendrin. Wenn die Angestellten zur Arbeit kommen, steht der dunkelbraune S-Klasse-Wagen des Chefs schon auf dem Hof. Und wenn die Belegschaft nach Hause geht, steht die Limousine immer noch da. Zu Hause warten Ehefrau und zwei Töchter auf den Manager.

Der Einsatz von Goetzeler für die Firma sei schon immer sehr hoch gewesen, sagt Willi Sattler, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Osram. Dass Sattler und Goetzeler gut miteinander können, musste sich erst einspielen. "Als Goetzeler im Mai 2005 Osram-Chef wurde, verfuhr er nach dem Motto ,Was der Chef will, wird gemacht—, sagt Sattler. Für den Finanzprofi sei der Umgang mit der Arbeitnehmerseite neu gewesen. Heute sei das anders: "Der Chef kümmert sich um sämtliche Mitarbeiter.- Bis heute ist Sattler in Erinnerung, wie sich Goetzeler vor zwei Jahren bei der Vorstellung neuer Zahlen die Zeit nahm, die Sorgen eines ungelernten Mitarbeiters anzuhören. Dessen Probleme löste Goetzeler vom Chefbüro aus, sagt Sattler und klingt sehr zufrieden.

Als der Spartenleiter bei Osram vor ein paar Monaten ankündigte, ab Oktober 2009 die Produktion von Energiesparlampen in Augsburg, dem einzigen deutschen Glühbirnenwerk, zu beenden, ist Goetzeler natürlich eingeweiht. Nicht zuletzt durch den Druck der Gewerkschaften wird das Vorhaben aber gekippt. Am Ende kommt der Firmenchef persönlich nach Augsburg, um vor 1600 Mitarbeitern zu verkünden, dass die Produktion bleibt. "Da war die Erleichterung groß," sagt Sattler. Andernfalls hätten wohl 300 Mitarbeiter gehen müssen.

Osram ist in vielerlei Hinsicht ein wenig altmodisch. Als Manager kann man hier noch alt werden - Goetzelers Vorgänger Wolf-Dieter Bopst regierte 14 Jahre lang im Tippsen-Silo und machte erst mit 65 Platz für den jüngeren Goetzeler, seinen Wunschkandidaten. Der war ihm als akribischer Arbeiter aufgefallen. Bis dahin war Goetzeler Finanzchef des amerikanischen Konzernteils Osram Sylvania, der als größte Sparte von Osram bis zu 40 Prozent zum weltweiten Umsatz beisteuert.

Erstmals bei Siemens angestellt wird Goetzeler bereits 1982, direkt nach dem Betriebswirtschaftsstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Vom Stammhauslehrling arbeitet er sich über ein Praktikum hoch, lernt verschiedene Unternehmens- und Zentralbereiche kennen. Seine Aufgaben führen Goetzeler außer in die USA auch nach Italien und Großbritannien. Mit der Zeit werden aus deutschen Jobtiteln englische: vom Abteilungsleiter zum Chief Financial Officer. Aber immer ist das Siemens-Logo auf Visitenkarte und Gehaltsabrechnung aufgedruckt.

Es wird diese enge Verbundenheit zum Mutterkonzern sein, die einen Ausdruck des Entsetzens in Goetzelers Gesicht treten lässt, als er – seit anderthalb Jahren Osram-Chef – an einem grauen Novembertag 2006 Reportern folgende Sätze in die Blöcke diktiert: "Ich arbeite seit einem Vierteljahrhundert für den Konzern. Und es bewegt mich sehr, was da vorgeht." Der Korruptionsskandal ruiniert Siemens' guten Ruf, ein altehrwürdiger deutscher Konzern mit festen Prinzipien zu sein. Goetzeler gehört nicht zu jenen, die der Meinung sind, Siemens habe lediglich den Fehler gemacht, sich beim Bestechen erwischen zu lassen. Er selbst hat mit dem Skandal nichts zu tun.

Als zum Ende der Affäre hin der Österreicher Peter Löscher Siemens-Boss Klaus Kleinfeld an der Unternehmensspitze ablöst, wird Siemens umgekrempelt. Goetzeler gehört zu denen, die bleiben dürfen. Im Konzern kommt es jetzt vor allem darauf an, dass die Zahlen sauber sind. Und natürlich darauf, dass die Gewinne der Töchter stimmen. Von Osram wird eine Marge von zehn bis elf Prozent erwartet, so verwöhnt ist Siemens aus früheren Jahren. Goetzelers Licht-Tochter enttäuscht nicht.

Der Chef übernimmt die schwierige Aufgabe, das Unternehmen auf umweltfreundliche Produkte umzustellen: Hightech-Lampen, die mit der klassischen Glühbirne, die Osram groß gemacht hat, nicht mehr viel zu tun haben. Die Klassiker-Funzeln machen heute nur noch fünf Prozent des Umsatzes aus. So eine Änderung geht nicht spurlos an der Identität der Firma vorüber, die für viele der Inbegriff des Glühbirnenherstellers ist. Die Nostalgie betrifft die Marke Osram ebenso wie ihr klassisches Produkt: Kein anderes Volk tut sich so schwer mit den neuen Lampen. Fast überall in Europa gehen die Absatzzahlen für klassische Glühlampen schon zurück, mancherorts um bis zu 35 Prozent. Doch die Osterreicher und Deutschen hamstern, als hätten sie Angst vor einer langen Finsternis. Hierzulande hat der Absatz der Birne im ersten Halbjahr 2009 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 34 Prozent zugenommen. Das hat Goetzeler überrascht, aber seiner Strategie nicht geschadet. Denn jetzt, da die neue europäische Richtlinie in Kraft tritt, ist Osram für den Wechsel des Marktes von klassischen Glühbirnen auf Hightech-Lampen gerüstet.

Der Chef kämpft energisch gegen all die Vorurteile, die sich so hartnäckig halten. Das neue Licht sei kalt, die Lampen nicht alltagstauglich. Oder auch gegen das Quecksilber-Argument. Goetzeler hat sich Vergleiche einfallen lassen, die jeder versteht: "Aus dem Quecksilber, das in einem der alten Fieberthermometer enthalten ist, machen wir 500 Lampen." Dennoch leidet das Traditionsunternehmen in der Wirtschaftskrise. Fast alle Werke mussten auf Kurzarbeit umstellen. „Ganz langsam zeichnet sich wieder ein Aufschwung ab", sagt Betriebsratschef Sattler. Wann der Tiefpunkt durchschritten ist, weiß auch Sattler nicht. Die Krise, sagt der Betriebsratschef, setze Goetzeler unter Druck: "Er arbeitet noch mehr als sonst."

Zur Rezession kommt die Herausforderung, im Hochlohnland Deutschland zu produzieren. Osram ist der einzige Lampenhersteller, der noch in nennenswerter Größe in Europa fertigt. Das hat Tradition: Schließlich wurde die Energiesparlampe für den Hausgebrauch vor mehr als 20 Jahren im Werk Augsburg entwickelt. Große, schwere Lampen, von denen man nicht wusste, ob sie sich durchsetzen würden. 1985 kamen sie auf den Markt. Heute produzieren Firmen in China 80 Prozent aller Energiesparlampen weltweit. Auch Osram hat dort Fabriken.

Doch im Gegensatz zur Beleuchtung im firmeneigenen Lichtstudio kann Goetzeler den weltweiten Markt nicht per Knopfdruck verändern. Vermutlich bedauert er das.