Süddeutsche Zeitung vom 27.08.2009:    zurück zur Presse-Übersicht


Erzwungene Erleuchtung

Das Verbot der Glühbirne ist ein tiefer Eingriff in die Freiheit des Einzelnen - aber es ist richtig

Von Michael Bauchmüller


Für überzeugte Liberale muss der nächste Dienstag ein Tag der Zumutung sein. Von da an verbannt Brüssel die Glühbirnen peu ä peu aus dem Leben der Europäer; erst die matten und die starken Birnen, später alle. Verbrauchern steht künftig nicht mehr frei, wie sie ihre Wohnungen erhellen. Sie müssen sparsam leuchten, womöglich sogar zum Preis eines weniger warmen, weniger wohnlichen Lichts. Das stellt manches Verbot in den Schatten, das Staaten und Bürokraten Bürgern schon zugemutet haben. Zumal die Glühbirne auf den ersten Blick keinem schadet, zumindest solange er sie nicht im angeschalteten Zustand anfasst - dann ist sie gefährlich heiß . Genau da beginnt das Problem.

So hell sie auch ist, führt die Glühbirne ihren Benutzer doch ständig hinter das Licht. Unsichtbar verschwendet sie sein Geld, denn für ihre Helligkeit verwendet sie nur ein Zwanzigstel des Stroms, der Rest verpufft als Hitze in der Umgebung der Birne. Auch auf der Stromrechnung geht das Licht im großen Rauschen unter: Dabei bringen die Deutschen knapp zehn Prozent ihrer Stromrechnung dafür auf, abends nicht im Dunkeln zu sitzen. Bei einem Drei-PersonenHaushalt macht das an die 70 Euro im Jahr. Aber: Muss deshalb der Gesetzgeber einschreiten? Muss die EU die Glühbirne gleich komplett verbieten? Ja, sie muss, denn anders wird sie nicht verschwinden.

Würden Verbraucher stets klug und vorausschauend handeln, wäre die Glühbirne längst Vergangenheit, vielleicht abgesehen von ein paar Exemplaren in wenig genutzten Kellerräumen. Die Alternative zur Glühlampe verbraucht bis zu 80 Prozent weniger Strom, und wer nicht zu den billigsten Sparlampen greift, bekommt sogar warmes Licht. Da wären schon allein aus der jährlichen Ersparnis beim Strom ein paar gute Lampen drin. Obendrein halten sie zehnmal so lange wie das Modell aus den 1880er Jahren. Aber so einfach ist es leider nicht.

Denn die Glühbirne ist ein leuchtendes Beispiel für ein altes Problem: die Dominanz des schnellen Vorteils. Vor die Wahl gestellt zwischen 99 Cent für die alte und 6,99 Euro für die neue Variante des Lichts, greifen die meisten Verbraucher reflexhaft zum günstigeren Produkt - selbst wenn der Aufpreis irgendwann zur Ersparnis wird. Auch ist der Strompreis derzeit nicht hoch genug, an diesem Kalkül viel zu ändern; ganz abgesehen davon, dass sich die meisten nicht weiter dafür interessieren, was sie für den Strom zu zahlen haben.

Die Glühbirne ist Symbol und Anfang zugleich, es geht eben um mehr - um den

Umgang der Deutschen mit Energie. Wenn zehn Prozent des Stroms für eine verschwenderische Beleuchtung draufgehen, heißt das: Manches Kraftwerk läuft allein für die alte Glühbirne. Das gleiche gilt für veraltete Elektromotoren in der Industrie, für Kühlschränke und Gefriertruhen, für die Standby-Schaltungen von Elektrogeräten.

Die Folge: Deutschland verbraucht weit mehr Strom, als nötig wäre. Unternehmen lassen dafür Kohle ausbuddeln und erzeugen mit ihr den Dampf für ihre Kraftwerke. Nebenher erwärmen sie die Umwelt wie derzeit noch die Glühbirne, denn die meiste Energie geht ungenutzt verloren. Vom effizienten Umgang mit Energie sind die Europäer ungefähr so weit entfernt wie Thomas Alva Edison von der Energiesparlampe. Nur gab es zu Edisons Zeiten weder Klimawandel noch Rohstoffengpässe.

Mit Technologien ändert sich Vertrautes. Mag sein, dass die Energiesparlampe nie ganz an die Wärme der Glühbirne herankommen wird, so wenig wie der ICE an das wohlig schnaufende Geräusch der Dampflok, so wenig wie digitale Dreiklänge an die klingende Glocke eines Telefons. Kaum ein Produkt konnte dem technischen Fortschritt so lang standhalten wie die Glühbirne. Jetzt ist auch ihre Zeit gekommen, und das völlig zu Recht. Der Verlust lässt sich verschmerzen.