Tagesspiegel vom 27.07.2009: zur online-Seite des Tagesspiegel     zurück zur Presse-Übersicht


Ungemütlich, ungesund, unökologisch - Energiesparlampen in der Kritik

Immer mehr Experten wenden sich gegen das Glühlampen-Verkaufsverbot Umwelt, Gesundheit, das Klima retten - wer will das nicht, aber manchmal fällt es ein bisschen schwer.

Von Saskia Weneit

27.7.2009 10:30 Uhr

Berlin - Viele wollen sich nicht von der guten alten Glühlampe trennen. Das Verkaufsverbot von 100-Watt-Lampen ab 1. September ruft zunehmend Kritiker auf den Plan. Sie wenden ein, dass das neue Licht unangenehm, ungesund und unökologisch sei. Der Lichtgestalter Peter Pich formuliert es so: "Die haben das Sonnenlicht mit dem Mondlicht vertauscht. Die Glühlampe ähnelt in ihrem Farbspektrum stark dem des Sonnenlichts, daher empfinden wir ihr Licht als sehr natürlich und angenehm. Der Energiesparlampe hingegen fehlen bestimmte Farbbereiche ganz, wie Rot." Dadurch werde das Licht sehr blaustichig, kühl und ungemütlich. "Wir sind durch die Sonne auf bestimmte Lichttöne und Farben seit Jahrhunderten konditioniert und empfinden bestimmtes Licht als natürlich. Das Licht der Energiesparlampe, das eher dem grünlich-bläulichen Licht der Mittagssonne am Ozean ähnelt, fühlt sich im Wohnbereich daher als unnatürlich an", sagt Pich. Durch das fehlende Rot werden auch Farbtöne anders wiedergegeben, eine braune Jacke kann sich bei Tageslicht als olivgrün entpuppen. Natürlich könne zwischen verschiedenen Lichttönen wie Warmweiß und Tagweiß bei der Engergiesparlampe gewählt werden, räumt Pich ein. "Doch ich bekomme mit den Sparlampen kein Glühfarbenlicht", sagt der Lichtgestalter, der sich mit einer Internetseite mit umfassenden Informationen und einem Link auf eine Petition gegen die EU-Richtlinie einsetzt. Eine Lösung können Halogenlampen sein oder die Zukunftstechnologie LED.

Halogenlampen brennen allerdings heißer und es gibt sie nicht mattiert. Pich will vor allem die Verbraucher informieren, die oft wenig über die Ersatzleuchtquellen wissen. Die Energiesparlampe ist schließlich nicht das Nonplusultra. Sinnvoll ist ihr Einsatz erst, wenn sie länger als eine halbe Stunde am Tag brennt. Für Treppenhäuser, im Keller oder auf dem Gäste-WC eignet sie sich nicht. Sie geht dann schneller kaputt. Hinzu kommen gesundheitliche Aspekte: Unsere innere Uhr stellt sich jeden Tag neu, orientiert an die Umgebung. Zu viel Blau ist da nicht so gut. "Bei dem Licht der Energiesparlampe schaltet unsere innere Uhr auf Tag", sagt Kunz, Schlafforscher an der Charité Berlin. Eine halbe Stunde am Abend reiche, um Probleme mit dem Einschlafen zu bekommen. Die Produktion des Schlafhormons Melatonin sei gehemmt. "Es ist ein Faktor, der beachtet werden muss". "Hier ging es ja nie um das Auge, sondern um das CO2", sagt der EU-Abgeordnete Ferber (CSU). Er kann die europäische Richtlinie nach wie vor nicht nachvollziehen. "In Europa gilt die Marktwirtschaft und ein Produktverbot verträgt sich damit nicht". Auch Holger Kramer hat nur Kopfschütteln übrig für das Gesetz. Der Europa-Abgeordnete der FDP hat sich aktiv gegen die Richtlinie gewehrt. "Es ist eine fragwürdige Obrigkeitspolitik", sagt er.

Von einer Milchmädchenrechnung sprechen Politiker und Klimaexperten. Ein Aspekt ist, dass die Energiesparlampe in der Herstellung zehnmal so viel Energie benötigt wie für eine normale Glühbirne. "Mit dem Verbot wird keine Tonne CO2 eingespart", sagt Andreas Löschel, Umweltökonom des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung. Es gebe mit dem Emissionshandel bereits ein gut funktionierendes System zur Einsparung von klimaschädlichem Kohlendioxid. "Damit ist eine Höchstgrenze für Emissionswerte bis 2020 festgelegt. Der gesparte Strom durch das Glühlampenverbot wird dann an anderer Stelle wieder ausgegeben. Denn die Stromerzeuger werden dann an andere Branchen die (übrigen) Verschmutzungsrechte verkaufen" - in der Summe bliebe es dann bei den gleichen CO2-Emissionen, sagt Löschel. Auch Ottmar Edenhofer, Ko-Vorsitzender des Weltklimarats und Lehrstuhlinhaber für die Ökonomie des Klimawandels an der Technischen Universität Berlin, kann den Sinn hinter der EU-Richtlinie nicht sehen. Die Maßnahme sei blinder Aktionismus und zeuge von einer Regulierungswut, die der Klimapolitik kaum helfe, sagte er.

Für die Industrie ist das Glühbirnenverbot kein Problem. "Die Glühbirne ist ein Pfennigartikel, die Hersteller verdienen daran kaum", sagt EU-Abgeordneter Kramer. Umweltökonom Löschel sieht bei der Richtlinie einen gewissen Interessengleichklang. "Es wurde wenig kritisiert zwischen Industrie und Klimaschützern". Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) begrüßt das Verbot denn auch sehr. "Es ist ein guter Schritt, so kann jeder einen Beitrag leisten beim Klimaschutz", sagt Franziska Müller von der Kreislaufstelle der Umwelthilfe. Allerdings bemängelt sie die Dichte der Sammelstellen für die Energiesparlampen. In ihnen steckt Quecksilber. Deshalb gehören sie auf den Sondermüll. Bemerkenswert an dem Thema Quecksilber: Die EU ist bemüht, die Verwendung von Quecksilber möglichst zu senken. Fieberthermometer müssen heute ebenso wie Batterien ohne den Einsatz von Quecksilber auskommen, die Grenzwerte für die zulässige Höchstbelastung in Industrieprodukten wurden kontinuierlich gesenkt. In einem Bereich machte die EU bisher allerdings eine Ausnahme: In der Richtlinie über das Verbot des Einsatzes gefährlicher Stoffe sind die Hersteller von Energiesparlampen explizit ausgenommen.

Insbesondere britische und deutsche Volksvertreter haben so lange gezündelt, bis der alte Streit um effiziente Leuchtkörper erneut aufgeflackert ist. Am 8. Dezember 2008 hatte ein Expertenausschuss in Brüssel Mindeststandards für Glühlampen beschlossen. Danach sollten bis 2012 schrittweise Birnen mit niedriger Wattzahl wegen Ineffizienz vom Markt verschwinden. Alle waren sich einig, dass Stromkunden mehr als 5 Milliarden Euro sparen würden, wenn sie künftig Effizienzleuchten benützten, außerdem, so die allgemeine Überzeugung, sinke der Ausstoß an Kohlendioxid damit um 15 Millionen Tonnen.

Das faktische Verbot der Glühbirne gehört zur Effizienzstrategie der Europäischen Union. Über neue technische Standards will Brüssel nach und nach ineffiziente Geräte wie Glühbirnen aber auch Waschmaschinen, Kühlschränke, Heizgeräte oder Geschirrspüler aus den Geschäften verbannen. Bis 2020 sollen 20 Prozent des Energieverbrauchs durch erhöhte Effizienz eingespart werden.

In Großbritannien wehren sich vor allem europaskeptische Abgeordnete wie Roger Helmer oder John Bowis dagegen, dass Brüssel wieder mal etwas verbieten will. In Deutschland avancierte die Glasbirne mit dem Glühfaden inzwischen zum Wahlkampfthema. „Wir müssen das Verbot zurückrufen", sagt Markus Ferber, Chef der CSU-Gruppe im EU-Parlament und Spitzenkandidat für die Europawahl im Juni. Dass Deutschland sich bislang für das Verbot der Glühlampe eingesetzt habe, so Ferber, sei dem ordnungspolitisch nicht sauber aufgestellten Wirtschaftsministerium" zu verdanken. Dort hätten die zuständigen Sachbearbeiter einer starken Herstellerlobby nachgegeben anstatt auf Wettbewerb zu setzen. „Das müssen wir transparent machen", findet der Abgeordnete. Der Nordrhein-Westfale Peter Liese (CDU) der für die Unionsgruppe im Umweltausschuss des EU-Parlaments sitzt, arbeitet hingegen daran, „dass im Grundsatz alles bleibt, wie es ist".

Es ist vor allem Lieses Verdienst dass Brüssel überhaupt Standards für Beleuchtung erlassen hat. Vor mehr als 14 Jahren hatte er Kommissionsbeamten erstmals die Idee vorgetragen, Standby-Schaltungen effizienter zu machen. Seither hat der Abgeordnete mit unglaublicher Geduld dazu beigetragen, einen Standard nach dem anderen durchzusetzen - auch den für Lampen. „Wäre uns Herr Liese nicht so auf die Nerven gegangen, hätten wir das nie gemacht", zitiert er selbst gern Kommissionsbeamte.