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Prof. Dr. Werner Thiede

Ist die Glühlampe noch zu retten?

Plädoyer für eine Rücknahme des EU-weiten Herstellungsverbots

Bald endet ihre Zeit: Ab September 2010 dürfen Glühbirnen mit einer Leistung von mehr als 60 Watt nicht mehr verkauft werden, ein Jahr später folgen 60-Watt-Birnen selbst, und mit September 2012 schließlich werden auch die letzten Glühlampen aus dem Handel verschwinden. Klare Glühbirnen mit 100 Watt und sämtliche matten Glühbirnen sind bereits seit September 2009 EU-weit vom Verbot betroffen. Dabei macht die alte Glühbirne seit über 130 Jahren die Nacht gewissermaßen zum Tag. Ihre Erfindung durch den Amerikaner Thomas Edison ist denn auch für die Deutschen laut einer Emnid-Umfrage die wichtigste Erfindung der Menschheit! Nun aber hat menschliche Willkür ihr Ende beschlossen. Eine Volksabstimmung hat es in Deutschland darüber freilich so wenig gegeben wie über den EU-Beitritt. Doch in Neuseeland ist inzwischen das Glühbirnen-Verbot wieder aufgehoben worden, nachdem es dort zunächst mit Elan eingeführt worden war. Dies macht ein ganz klein wenig Hoffnung für ein Umdenken bei den Verantwortlichen hier in Europa, wo in einigen Jahren sogar die Halogenlampen verboten werden sollen.

Weil klassische Glühbirnen Stromfresser und damit schädlich fürs Klima seien, setzt die EU-Kommision bekanntlich auf Energiesparlampen, Halogenlampen und LED-Leuchten. Doch im Mannheimer Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hält man das EU-Verbot für nutzlos: Laut Klima-Ökonom Holger Löschel werden eventuelle CO2-Einsparungen durch das Verbot der Glühlampen am Ende durch die Marktmechanismen des Emissionshandels vollständig kompensiert.

Zudem ist zwischen Medizinern und der EU längst ein Streit darüber entbrannt, ob die ultraviolette Strahlung der ersatzweise zu kaufenden Energiesparlampen gesundheitsschädlich ist. Schlafforscher Dieter Kunz, Chefarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik der Berliner Charité, warnt vor möglichen Risiken: Seinen Erläuterungen zufolge wirkt der hohe Blau-Anteil im Lichtspektrum vieler Energiesparlampen wie ein Wachmacher auf den menschlichen Körper. Denn das bläuliche Licht unterdrücke das Schlafhormon Melatonin. Wenn Sparlampen die Wohnungen erleuchten, könnte dies auf Dauer die „innere Uhr“ im menschlichen Organismus durcheinander bringen. Professor Heinrich Kramer, Lichtdesigner an der Universität Aachen, ist davon überzeugt, dass sogar jene neuen Energiesparlampen, die inzwischen ein etwas wärmeres Licht versprechen, das bedenkliche Blau in ihrem Spektrum enthalten.

Zudem stellen Energiesparlampen bekanntlich Sondermüll dar – wegen ihres Quecksilbergehalts! Und als Kompaktfluoreszenz-Lampen emittieren sie hochfrequent gepulste elektromagnetische Strahlung – auch wenn das höherfrequente Flimmern vom menschlichen Auge nicht wahrgenommen werden kann. Laut Baubiologe Wolfgang Maes kommen zu dem höherfrequenten Elektrosmog der Elektronik noch aufgelagerte Pulsspitzen von 100 Hertz ins Feld. Der Salzburger Umwelt-Mediziner Gerd Oberfeld warnt dementsprechend: „Es gibt dazu eine ganze Fülle von Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Man sieht, dass Energiesparlampen von vielen Personen im Nahbereich von ein bis zwei Metern Distanz schlecht vertragen werden. Es gibt Kopfschmerzen, Müdigkeit und Konzentrationsprobleme.”

Sparsamkeit am falschen Platz ist schlicht „Unfug“, meint jedenfalls Professor Ottmar Edenhofer, Chef-Ökonom des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und Co-Vorsitzender im Weltklimarat: „Das Verbot der Glühbirne ist blinder Aktionismus und zeugt von einer Regulierungswut, die der Klimapolitik kaum hilft.“ Könnte sich die Demokratie in Europa als stark genug erweisen, sich solchen über die Köpfe der betroffenen Menschenmassen hinweg beschlossenen „Unfugs“ zu erwehren?


Aufsatz von Prof. Dr. Werner Thiede
publiziert in: Der Sonntag 65, 33/2010, S. 3;
gleichzeitig in: Glaube und Heimat, S. 3.
Siehe auch schon „Streit ums Licht. Glühbirne contra Energiesparlampe“, in: MUT Nr. 499 (März 2009), S. 6-10.







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