Galerie Pich präsentiert: Wolfram Kastner    

1995: Brandfleck München
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Auf dem Königsplatz in München verbrannten am 10. Mai 1933 nachts um 23.30 ca. 50.000 deutsche Akademiker und Nazis Bücher, die sie als Schund und undeutsch diffamierten. An diese Auftaktveranstaltung für die mörderische Brandstiftung in der ehemaligen Hauptstadt der Nazi-Bewegung erinnert nichts - auch nicht die kleinste Hinweistafel. 1988 ließen Stadt und Staat die brüchigen Platten vom Platz räumen und eine an Klenze angelehnte Platzgestaltung herstellen - so als wäre nichts gewesen und als hätte es in dieser Stadt nirgendwo Täter und Taten gegeben. Am 9. November 1995 (dem Jahrestag der sog. "Kristallnacht") brachte der Künstler Wolfram P. Kastner im Rasen des Königsplatzes einen Brandfleck als Zeichen der Erinnerung an die Bücherverbrennung und ein Hinweisschild mit einem Text in deutsch und englisch an. Die Stadt wurde gebeten, kein Gras mehr über die Geschichte wachsen zu lassen. Eine Gedenkstättenkommission, in die vom Oberbürgermeister auch der berüchtigte Nolte-Laudator Prof. Möller berufen wurde, lehnte dies mit dem Hinweis auf Denkmalschutz und mit der bemerkenswerten Begründung ab, die originale Brandspur sei nicht mehr vorhanden, also wäre "eine historische Situation nicht mehr gegeben, d.h. die Kontinuität des eigentlichen Zustandes ist nicht mehr gewahrt".

Königsplatz München

Die Stadtverwaltung verbot daraufhin auch eine zeitlich befristete Installation des Brandflecks. Erst als die Presse aufmerksam wurde und die Bürgermeisterin der Grünen intervenierte, wurde das Verbot zurückgenommen.

Das deutsche PEN-Präsidium, der Verband deutscher Schriftsteller, Buchhändler und Verleger, Lehrer und Studenten der Universitäten haben das Erinnerungszeichen befürwortet und ermöglicht.

Eine "widerrufliche wegerechtliche Sondernutzungs-erlaubnis" befristete die Erinnerung bis zum 23. Dezember 1995. "In Vollzug des Kulturausschußbeschlusses vom 30.11.1995 wird die Stadt bis zur Wachstumsperiode im nächsten Jahr auf eine Wieder-herstellung der Grasnarbe verzichten. Danach wird auf dem Erdfleck aufgrund natürlichen Wachstums und gärtnerischer Maßnahmen die ursprüngliche Grasfläche neu entstehen. An eine erneute Entfernung des Bewuchses (...) ist nicht gedacht. "

(Baureferat der Landeshauptstadt München)

Am 22. Dezember 1995 schenkten Wolfram P. Kastner und Robert Stauffer, Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller Bayern, den Münchnern das gesamte Erinnerungszeichen und überreichten dem Oberbürgermeister eine Schenkungsurkunde. Am 28. Februar 1996 wurde das Hinweisschild von einem städtischen Arbeitstrupp abgesägt und auf Verfügung der Stadtspitze in das Stadtarchiv in eine Kammer für dreidimensionale Geschenke eingelagert.

Seitdem wächst in München wieder Gras über die Geschichte. Im Haus der Kunst wurden Fotos ausgestellt, die das zeigen. Abzüge davon befinden sich in Yad Vashem in Israel. Keine deutsche Institution zeigte daran bisher Interesse.

Carl Blauhorn



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