
Vortrag von Professor Dr. Volker Fischer, Kurator der Design-Abteilung des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt, zur Eröffnung bei Ingo Maurer am 15. 10. 2009 in München
Brüsseler „Licht Eintopf“
Ihr kennt der Lohn der Einheitsfrohn:
EU hat immer Kommission.
Gurke zu krumm, Banane zu fahl,
da braucht´s Verordnung allemal.
Die EU sagt: Leben heißt regeln,
Vielfalt ist schlecht, eintönig gut,
wir sollen fürderhin einpegeln
auf Norm doch wirklich jedes Gut.
Phantasie ist Perfidie,
fast so schlimm wie Bigamie.
Eine ihrer neuesten Streiche; -
noch so ´ne Verordnungsleiche; -
ist das Verbot für Milchglasbirnen:
was haben die in ihren Hirnen?
Da verliert man doch die Fassung
und die Birne kämpft um ihre,
mit Arroganz und Ignoranz
wird ins Wohnzimmer reinregiert,
Bedürfnisse werden negiert
mit äußerster Herablassung.
Ein Bärendienst ist die Verordnung
und macht europamüde,
Bürokraten Diktatur,
von Demokratie keine Spur:
Brüsseler „Wasserkopf“ pur.
Mitbestimmung? Makulatur!
In Hinterzimmern ausgekungelt,
in Parlamenten nicht beraten,
Bevölkerung wird nicht gefragt,
das ist Entmündigung auf Raten,
nur Ingo Maurer da rausragt,
ruft auf zu „Ungehorsams - Taten“.
Sind die statt rechts- denn linksgeschraubt,
angestaubt in ihrem Haupt?
Ein Katalane war`s in Brüssel,
nun, dem gehört eins auf den Rüssel.
Uninformiert und arrogant
gibt er soeben mal bekannt,
das Ende einer langen Strecke:
bringt unsere Birne um die Ecke.
Die hatten wir dreizehn Jahrzehnte,
bis dieser Herr in Brüssel wähnte,
sie irgendwie sei überholt
da fühlten wir uns echt verkohlt,
apropos Kohl: auch das war Birne:
na, wir erinnern uns von ferne.
Es wird mir, ach, so weh ums Licht,
keiner versteht das Licht mehr nicht,
einfach verweht, weg ein Dezennium
von Innovation, Inspiration,
was zählt das schon; - Brüssels Reglungswut
vernichtet ständig Kulturgut.
Nun haben wir den Einheitsbrei,
das Brüssler Birnen-Allerlei,
mit dem Eintopf bist armer Tropf:
ad acta ist Gestaltung
und abgeschafft die Formerhaltung.
Seit weit mehr als einhundert Jahren
sind wir mit Glühbirne doch gut gefahren.
Ihr warmes, weiches Licht ist mehr
als nur ein Schein; oh, wie gemein,
da kommt ein irgendwer daher,
macht ihr garaus, das ist ein Graus.
Ob in Kronleuchter, in Stehlampe,
die Birne machte stets Figur,
hatte Kontur, war nicht Lichtpampe
wie Energiesparbirne: Horror pur.
Als Thomas Alva Edison
wahrscheinlich beim ´nem Madison
Glühfaden fein aus Wolfram spann
in einen transparenten Kolben,
er doch Jahrhundertwerk ersann
mit äußerst weitreichenden Folgen.
Grazil verspannt ist eine Wendel
aus Wolfram, zittert vor sich hin,
zwischen schrägen Trägerdrähten
hält elegant sie sich im Pendel,
das war für Lux - Zahlen Gewinn,
auf lange Zeit sanfter Glimmer, sanfter Schimmer.
Die Zeit der Kerzen war vorbei,
das war bei Gott nicht einerlei,
die Dämm´rung, Nacht wurde taghell,
für Produktionszuwächse Quell.
Es gab beleuchtete Ausstellungen
und Innenstadt-Erhellungen.
Die Nacht wurd´ schnell / taghell,
die Industrie war bass erfreut,
arbeiten länger und auch strenger,
kein Unternehmer je bereut
hat die Anschaffung von Kunstlicht,
davor Fabriken waren früher dicht.
Die Boulevards und die Nachtbars,
ob in Paris, New York, Berlin,
wurden echt zu Beleuchtungsstars,
da wollten plötzlich alle hin,
Und dieses Glühen in den Revuen:
ohne Kunstlicht /ging´s da doch nicht.
Büros, Fabriken und Hochhäuser,
immer mehr auch Privatwohnhäuser,
wurden buchstäblich doch erhellt,
waren vom Dunkel nicht mehr umstellt.
Das war sozial doch allemal
eine der größten Taten; - mehr als Stahl!
Ob glänzend matt, ob hundert Watt,
gedimmt, getrimmt, auf Chrom gestimmt,
ob verspiegelt, ob gestriegelt,
ob auf die Standards hin gebügelt:
bei uns gab´s siebenhundert Birnen
alle verschieden, viele verschieden.
( Requiescat in pace ! )
Wir greifen in Baumarkt Regal
nach letzten Schimmerbirnen,
tun denen dort in Brüssel zürnen,
doch denen ist dies piepegal
und noch viel schlimmer:
die haben keinen Schimmer !
Warum wohl gibt es Hamsterkäufe
landauf, landab in Republik ?
Warum wohl gibt es Birnenknäufe
Von Morrison bei FSB ?
Weil Birnenform ist voll o.k.,
die Birnen sind halt chic.
Glühbirne alter Provenienz,
die hat doch wohl ´ne Prominenz,
der diese neuen Renegaten
bis auf weiteres entraten.
Man riecht die Suppe, riecht den Braten,
dieser Erlass hat Inkontinenz.
Glühbirne ist Kulturfaktor,
da sein kein Brüsseler davor,
sie konturierte ein Jahrhundert
und wer denn da ist noch verwundert,
wenn ihre Abschaffung empört
und viele Leute sehr verstört?
Einmal gedacht, wird´s auch gemacht,
gegen Einsprüche resistent,
die Energiebilanz dieser Sparbirnen
ist nämlich durchaus stark verpennt.
Eine kaputt in Hausmülltonne
ist für die Giftbilanz ´ne Wonne.
Da freut sich jeder Ökopax:
pro malader Einsparbirne
5000 Liter Wasser futsch,
da greift man sich doch an die Stirne; eh` Birne,
für Umwelt noch ein weit`rer Knacks,
da bleibt nur ein Designerputsch.
Wenn das die Strategie sein soll
von ökologischem Bewusstsein,
haben von vornherein wir Nase voll,
so was soll ökologisch Lust sein?
Der Schaden ist immens, beträchtlich,
und überhaupt nicht nebensächlich.
Die Ökobilanz ist bescheiden,
weil Quecksilber in Birnen steckt,
die Umwelt ist nicht zu beneiden
und Umweltschützer sind verschreckt.
Die Sparbirnen sind Sondermüll,
den Kommision offenbar will.
Bisher Glühbirne gibt zwar Licht,
doch noch viel mehr gibt ab sie Wärme,
das sieht und merkt doch jeder Wicht,
im Grunde ist sie Therme.
„ Solch´ Licht, das wollen wir nicht“,
fühl`n Kommisare sich in Pflicht.
Nun scheint uns klar und evident,
seit es sie gibt: An ´ner Glühbirne
hat bisher niemand sich gewärmt,
dann wäre er auch sehr verhärmt.
Es ging bisher immer ums Leuchten
in trock´nen Räumen und in feuchten.
Vom Energieverbrauch im Haushalt
frisst die Beleuchtung ein Prozent,
Kochen schon vier, Warmwasser zwölf,
das Heizen jedoch über siebzig,
insofern ist Verbot irrwitzig
und wirkt doch ziemlich durchgeknallt.
Um es mal deutlich zu verklaren:
Wärme soll`n doch Kraftwerke sparen
und nicht die armen Alt-Glühbirnen
und Automotor schadstoffärmer:
das sind globale Erderwärmer,
nicht kümmert´s Bürokraten-Würmer.
Es kommt hinzu, dass so ´ne Birne
beeinflusst auch der Menschen Hirne,
weltweit inzwischen ist`s Konsens,
nur Brüssel hält dies für Nonsens:
„Selffulfilling prophecy“
war immer schon nur Perfidie.
Solch´ Birnen machen depressiv,
verkünden Arztverbände,
sie polen uns´re Psyche schief,
verschieben uns´re inn`ren Wände.
Es ist wie Smog und Handyrauschen:
wir müssen lange in uns lauschen.
Der Rotfaktor im Licht fehlt ganz,
deswegen nur ´nen fahlen Glanz
erzeugen diese Sparlichtbirnen; -
und Kopfschmerz, Depression in Hirnen,
verfremden jede Farbwahrnehmung:
Wahrnehmungs-Lähmung.
Unter solch `fahlem Sparbirnlicht
Erleben wir die Welt verändert,
alle Farben saufen ab,
sie sieht buchstäblich anders aus,
wir wenden uns mit Graus,
die Welt wird grau, so wie `ne Maus.
Sind hässlich zudem wie die Nacht,
wer hätt´ bei Birnen dies gedacht,
da macht man Licht doch lieber aus,
das hält nicht mal die Birne aus,
der war mal Kanzler,
sitzt heute oft im Café Kranzler.
Ein Supergau ästhetisch, technisch,
und eins scheint klar, na wunderbar,
die Industrien der Leuchtmittel
verbitten sich Schöngeist - Gekrittel,
ein Mega - Neugeschäft doch winkt:
jede Kritik wirkt da gezinkt.
Dreieinhalb Milliarden Birnen
gilt`s in Europa auszutauschen,
insofern über solchen Wandel
freun`n diebisch sich doch Industrie und Handel,
die lobbymäßig die Umrüstung
in Brüssel generierten und forcierten.
Klar ist: diese Philippika,
diese / fiese „ordre de mufti“
begünstigt Produzentenschar,
behauptet, Glühbirne sei Gruftie,
nichts könnte falscher sein, mehr Pein
alle Gestalter sagen: „Nein!“
Diese Mikro-Röhren-Monster
sind für Design von Leuchten Pein,
ob neu, ob älter, da wird´s kälter,
Entwerfer sagen deshalb „nein“
zu diesen Gestalt - Peinlichkeiten:
und das sind keine Kleinigkeiten.
Ob Wagenfeld, Noguchi, Jucker,
ob Paulsen oder Jacobson,
Marianne Brandt, Christian Dell,
ob Castiglioni, Magistretti,
die mochten nie Licht-Controletti:
Verbot war noch nie Freudenquell.
De Lucchi, Sottsass und auch Maurer,
Serien, Philippe Starck, genaurer:
die Avantgarde der Lichtdesigner
ist insgesamt empört, verstört
von dieser Brüssler Invektive,
die flach ist, ohne jede Tiefe.
Auch manche Maurer Lichtentwürfe
überstehen solch` Verordnung nicht,
ob „Lucellino“, „Birds, Birds, Birds“,
ob „Birdie“, „Bulb“ oder „Lampampe“,
ob „Max.Wall“, „Delight“, ob „Licht Licht
zurecht gibt´s da Vorwürfe.
Für klare Birne Überzieher
hat`s Maurer - Team sich ausgedacht:
Kritik als Produkt eingetütet,
was wird da wohl verhütet?
Die EU-Verbot-Drahtzieher
werden sublim fertig gemacht.
Das ist sehr schlau und punktgenau,
zudem doch äußerst kreativ,
weil jeder doch zunächst verschlief:
Verbraucherschützer, Umweltschützer,
Nutzer, Besteller und Hersteller
dieses Verbot, ein Antidot..
Aus Not heraus und Wut gemacht,
haben sie Präser ausgedacht
sich für glasklare Birnenkörper:
den Klarbirnen fehlt oft der Sex,
nun sind sie geil verschleiert,
da bist Du doch perplex.
In jedem Fall dies Birn´kompott
ist offensichtlich Birn´komplott.
Wer Licht, zudem Lichtfarben liebt,
sieht seine Liebe weggesiebt
durch kontraproduktive Schmarren,
wer fährt da wem wohl an den Karren?
In Köpenick sagte der Schuster
„Erst der Mensch und dann die Birne“.
„Versündigst Dich an der Weltordnung“,
sagt daraufhin sein Schwager,
ein subalterner Staatsbeamter,
notorischer Ja-Sager.
Und so wie Schuster Voigt dies sah
und aufbegehrte gegen Muff,
ist solch´ Protest uns heute nah
gegen solch Brüssler Bluff.
Der Schuster Voigt sagt „na, ich zürne
über das Verbot der Birne“.
„Erst wird die Birne, dann der Mensch
versiert normiert, zynisch quadriert,
Körper und Geist wird kaserniert.“
im Lichte / solcher Argument-Gewichte
gibt es Verstimmung, Wut und Schreck,
wir fordern deshalb laut: „Bulb back!“
Wenn in dreihundert Jahren mal
Archäologen Leitfossilien suchen
für uns´re Zeit, uns´re Kultur,
dann finden sie als ein Mahnmal
einbetonierte Milchglasbirnen
und runzeln tiefbesorgt die Stirnen.
Dann geht den Menschen erst Licht auf
über diese Kulturvernichtung
die, getarnt als Öko-Verrichtung,
anno zweitausendneun Platz griff,
ab da das Unheil nahm sein´ Lauf,
die Menschen wurden depressiv zuhauf.
Ach, gebt mir einen Birnenschnaps
und macht die Milchglasbirne an,
ich liebe ihren sanften Schimmer
jenseits von Ökopax-Gewimmer,
der Schimmer macht mich an
und hoffentlich noch lang er´s kann.
Zu dem Behufe sind wir hier
in Ingo Maurers Leuchtquartier,
wir alle meinen: so geht`s nicht !
Wer sitzt über Produkt Gericht
und macht es platt ganz ohne Ahnung ?
Dies Treffen heut` sei Brüssel Mahnung !!
Volker Fischer, im September 2009
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