Galerie Pich präsentiert: Prof. Dorothea Reese-Heim      Ausstellung 24.07.99 - 06.08.99

SZ vom Donnerstag, 29. Juli 1999, Starnberger Ausgabe, Feuilleton. Bericht von Ingrid Zimmermann

Raumskelette aus Stahl und Luft   

Mit federleichten Gittern erschließt Dorothea Reese-Heim die dritte Dimension

KRAILLING - Der Rasen um den kleinen See am Talanger, wo die Galerie von Peter Pich ihren Ort hat, ist zur Zeit mit seltsamen "Tieren" bevölkert. Einige haben sich wie zu einer kleinen weidenden Schafherde zusammengefunden, andere stehen dicht aneinander gedrängt. Es sind filigrane Gebilde aus Draht und federleichten Gittern, die sanft im Winde schwanken und ein wenig in der Sonne glitzern. "Zeichnungen im Raum" hat Dorothea Reese-Heim ihre Arbeiten genannt, und genau das ist auch der Eindruck: Ein Linienwerk mit feinen Verknüpfungen an den Knotenpunkten, das sich zu einer luftigen Gestalt verbindet und so auf ungewohnte Weise die dritte Dimension, das Gewinnen des Raumes aus der planen Fläche, spürbar macht. Dorothea Reese-Heim, im Krieg bei Stuttgart geboren, studierte in Karlsruhe und München. Seit 1983 ist sie Professorin für textiles Gestalten an der Gesamthochschule Paderborn. Textiles Gestalten als eine Sache von Weben, Häkeln, Nadel und Faden war nie ihre Sache. Auch Kunsthandwerk war nicht der Weg, den sie einschlagen wollte. So begann die Arbeit mit Materialien, die aus dem industriellen Bereich stammen. Es sind Drähte, Kunststoffschläuche, dünne Stäbe aus Stahl, Schlaufen aus Kunststoffbändern, die sich mit einem Ruck stabil zuziehen lassen.

Die Bezeichnung für einen Teil der Arbeiten holte sich die Professorin aus der Medizin. Sie nennt sie Körperfaszien - Faszien sind sehnenartige Muskelhäute - oder auch Raumskelette. Eine Brücke zum fraulichen Handarbeiten ist geblieben: Die Kissenforrn. Bei den kleineren Arbeiten dienen solche Raumkörper aus feinmaschigem Stahl- oder Kupfergewebe zum Beispiel als tragender Kern für Kaskaden von dünnen, glitzernden Drähten, die, Haaren gleich, daraus hervorge sprossen sind und nun bei jedem Luftzug sanft schwingen. Eins davon trägt den Titel "Memento mori". Metaphern für Vergänglichkeit und Wandel lassen sich also auch aus Stahl und Luft herstellen. Die Arbeiten "Röhrenskelett' und "Kakteen" (ebenfalls im Galerieraum) sind die augenfälligsten Zeichnungen im Raum. Locker gewundene Drahtschlingen ergeben plastische Rundkörper oder "Köpfe". An den Überschneidungen halten schwarze, steife Kunststoffschlingen die Drähte zusammen. Die Bänder stehen als dünne Zapfen im rechten Winkel ab. So ergibt sich der Eindruck von Hilfslinien oder Markierungen, wie sie auf Architektenplänen vorkommen.

Wächter im Park

In der Mitte des Raums hängen Polygone, unregelmäßige Vielecke, von der Decke. Sie sind aus steifen Bögen von Polycarbonat geschnitten und zu Raumkörpern zusammengesetzt. Verknüpft sind die plexiglasartigen, klaren Scheiben durch weiße Kabelbinder, die ebenfalls wieder hervorstehen, als seien dort Nähte gelegt worden. Diese Raumkörper sind das Modell für große Plexiglasarbeiten, die in den Räumen eines Unternehmens ihren Platz finden werden. Ein einmontiertes Foto wird auf diese Weise in viele Richtungen "verschickt". Die "Wächter" im Park sind große Tetraeder aus großporigem Gewebe. In ihrem Inneren haben sich spiralig gedrehte weiße Plastikschläuche angefunden, jeweils oben verbunden mit einem kleinen blauen Schlauchstück. Auch hier geht es wieder nur um Linienwerk und Luft, aber die eng beieinander stehenden Objekte wirken ebenso dicht und leiblich wie die drei großen Kisseninstallationen aus Flechtwerk und Stahlstäben mit dem Titel "Babylonische Sprachverwirrung" in ihrer Nähe. Die Nichtigkeit von Materie und Emotionen wird auf diese ungewöhnliche Weise sinnfällig demonstriert.

Sommerfest99-SZ1

Foto zu obigem Artikel: Jan Roeder









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